Das leise Sterben und das neue Sehen

Eine Erinnerung an einen inneren Wendepunkt

Es gab einen Moment in meinem Leben, der nicht laut war – und doch alles veränderte.
Kein Unfall, kein Drama. Kein Knall von außen.
Sondern etwas, das in mir geschah.
Unsichtbar für andere.
Unausweichlich für mich.
Ich könnte sagen: Etwas ist damals in mir zerfallen.
Vielleicht war es das Bild, das ich mir von mir selbst gemacht hatte.
Die Vorstellung, wie das Leben zu sein hat.
Oder der ständige Druck, jemand sein zu müssen.

In diesem Moment –
ich kann ihn nicht klar datieren, aber ich erinnere mich an sein Gewicht –
wurde mir plötzlich bewusst, wie viel Kraft ich aufgewendet hatte,
um mich zu erklären, zu behaupten, zu beweisen.
Wie sehr ich mich angestrengt hatte, um gesehen, verstanden, respektiert zu werden.
Und wie müde ich davon geworden war.

Damals fiel etwas in mir ab.
Nicht, weil ich es bewusst losgelassen hätte.
Sondern, weil es keinen Halt mehr fand.
Ich saß einfach nur da –
und erlebte still, wie all das, was mich so lange angetrieben hatte,
plötzlich bedeutungslos wurde.

Und in genau diesem Nichts
begann etwas Neues:
ein stilles, aufmerksames Sehen.
Nicht durch den Filter von Erwartungen oder Bewertungen.
Sondern pur.
Klar.
Menschlich.

Ich musste nicht mehr recht haben.
Nicht mehr siegen.
Nicht mehr gefallen.
Ich durfte einfach da sein.
Und staunen.

Seitdem ist vieles anders.
Ich erkenne in Begegnungen nicht mehr Gegenspieler oder Rollen.
Sondern Geschichten. Wege. Suchende.
Wie ich einer war – und bin.

Wenn ich heute auf Menschen treffe, mit denen es früher Spannungen gab,
spüre ich manchmal eine ganz neue Neugier:
Wer bist du jenseits deiner Funktion?
Was bewegt dich, wenn niemand hinsieht?

So kam es, dass ich kürzlich einem Menschen schrieb,
mit dem es früher nicht leicht war.
Nicht um etwas zu klären. Nicht um zu gewinnen.
Sondern einfach aus diesem neuen Raum heraus,
der still und offen ist.

Und aus diesem Raum heraus lebe ich mein Leben neu.
Nicht spektakulär.
Aber wahr.

Das gelebte Danach – Alltag mit einem neuen Blick

Seit diesem stillen Wendepunkt hat sich meine Art zu leben verwandelt.
Nicht im Außen – da sieht vieles aus wie zuvor.
Aber innen ist etwas weich geworden.
Ein Raum hat sich geöffnet, in dem ich atmen kann.

Ich beginne den Tag nicht mehr mit einem Plan, sondern mit einer Frage:
Worauf antwortet mein Inneres heute?
Oft ist es ein Spaziergang, ein Gespräch, ein Moment des Innehaltens.
Es geht nicht mehr darum, etwas zu leisten.
Sondern zu erleben, was sich zeigt, wenn ich nicht mehr gegensteuere.

Ich reagiere nicht mehr automatisch auf alte Trigger.
Oft spüre ich sie noch, ja.
Aber da ist nun ein Zwischenraum – ein stiller Beobachter in mir,
der nicht sofort springt, sondern wartet.
Lauscht.
Und oft lächelt.

Begegnungen mit anderen Menschen haben sich verändert.
Ich höre mehr zu.
Ich frage nicht, um Antworten zu bekommen – sondern um Welten zu betreten.
Und manchmal braucht es gar keine Worte.
Man spürt einander – wenn man nichts mehr beweisen muss.

Ich merke, wie viel Kraft ich früher im Widerstand verschwendet habe.
Jetzt fließt Energie in anderes:
In Verbindung.
In das Staunen über kleine Dinge.
In Dankbarkeit.

Ich pflege diesen Zustand nicht durch Disziplin, sondern durch Erinnerung.
Ich erinnere mich täglich daran, dass ich gestorben bin –
nicht als Mensch,
sondern als Rolle,
als Konstrukt,
als Idee, die sich durchsetzen will.

Und was geblieben ist,
ist still,
wach,
und bereit,
dieses Leben wirklich zu sehen.

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