Es gibt Nächte, in denen alles still wird.
Nicht die Welt draußen – sondern etwas in mir.
Ein Raum öffnet sich, in dem keine Ausrede mehr Platz hat.
Kein Konzept, kein Trost, keine Geschichte.
In solchen Nächten spüre ich ihn:
den Fährmann.
Nicht als dunkle Bedrohung, sondern als tiefe Präsenz.
Nicht mit Sense, sondern mit einer stillen, alles durchdringenden Klarheit.
Er steht nicht am Ende, sondern an der Schwelle.
Und wenn er kommt, bleibt nur eine Frage:
Bist du bereit, zu gehen?
Jetzt? So wie du bist – mit nichts als dir selbst?
Ich erschaudere.
Nicht aus Angst.
Sondern weil ich weiß, dass ich nicht lügen kann in seinem Licht.
Er will keine Leistung, keine Reue, keine Pläne.
Nur Wahrheit.
Und so übe ich zu sterben – mitten im Leben.
Ich lasse los, was ich nicht bin.
Ich schaue dem nach, was ich festhalte.
Ich erkenne, wo ich mich noch verstecke –
vor der Tiefe, die mich längst kennt.
Es ist kein morbides Spiel.
Es ist ein Lernen zu leben, das alles einbezieht:
Dankbarkeit, Tränen, Freude, Stille.
Wenn der Fährmann wieder geht, bleibt etwas zurück:
Nicht Furcht.
Sondern ein ungeheurer Frieden.
Und jedes Mal nehme ich ein bisschen mehr von diesem Frieden mit
hinüber in den Tag.
In mein Tun.
In mein Da-Sein.
Ich bin am Üben.
Nicht zu bleiben.
Sondern zu gehen – jetzt schon,
damit ich, solange ich noch hier bin,
wirklich hier bin.
Ein fehlender Pinselstrich
Wenig später kam eine Nachricht.
Von einem Menschen, mit dem ich früher in Spannung auseinandergegangen war.
Ich hatte ihn eingeladen, einfach als Mensch mit mir zu sprechen – jenseits unserer Vergangenheit.
Und seine Antwort war offen. Ehrlich. Freundlich.
Er hatte selbst gespürt, dass zwischen uns nie wirklich Raum für Begegnung gewesen war.
Jetzt war er bereit, das nachzuholen – ganz ohne Drama.
Es fühlte sich an wie der letzte, unbewusste Pinselstrich auf ein Bild, das längst bereit hing.
Nicht perfekt. Aber vollständig.
Nicht, weil etwas „ausgebessert“ wurde.
Sondern weil wir beide nichts mehr festhalten mussten.
Ich erkannte:
Wenn ich aufhöre zu kämpfen –
und der andere spürt, dass es nichts mehr zu verteidigen gibt –
dann geschieht das Wunder nicht trotzdem, sondern deshalb.
Es war keine Aussöhnung.
Es war etwas Größeres:
eine stille, gemeinsame Zustimmung zum Frieden.
