Wenn Selbstreflexion zur Selbstvermeidung wird 2/4

Selbstreflexion gilt als etwas Reifes. 
Als Tiefe. 
Als Bewusstsein.

Und genau deshalb übersieht man leicht, 
wann sie kippt.

Am Bahnhof sieht man das deutlich.

Manche Menschen stehen nicht, 
weil sie schauen wollen. 
Sondern weil sie nicht einsteigen wollen.

Sie denken nach.
Immer wieder.
Noch ein Gedanke, noch eine Erkenntnis.
Noch ein innerer Dialog.

Nicht aus Klarheit –
sondern aus Vorsicht.

Selbstreflexion wird dann zur Selbstvermeidung,
wenn sie Bewegung ersetzt.
Wenn sie nicht klärt,
sondern aufschiebt.

Du erkennst das daran,
dass alles stimmig klingt –
aber nichts in Gang kommt.

Du verstehst dich immer besser,
aber lebst dich nicht mehr.

Es gibt Menschen,
die können ihr Zögern brillant erklären.
Ihre Zweifel differenziert benennen.
Ihre Blockaden fein beschreiben.

Und genau darin verlieren sie sich.

Nicht jede Einsicht will noch bedacht werden.
Manche wollen einfach anerkannt werden
und dann gehen dürfen.

Selbstvermeidung fühlt sich oft klug an.
Ruhig.
Überlegt.

Aber sie hat einen Beigeschmack:
eine leise Schwere.
Ein Kreisen.
Ein Stehenbleiben mit guter Begründung.

Der Unterschied ist subtil.

Selbstreflexion fragt:
Was ist gerade wahr?

Selbstvermeidung fragt:
Was muss ich noch verstehen, bevor ich darf?

Am Bahnhof hilft keine weitere Analyse des Fahrplans,
wenn du längst weißt,
welcher Zug deiner ist.

Manchmal ist der nächste stimmige Schritt
nicht der sichere.
Nicht der durchdachte.
Nicht der erklärte.

Sondern der,
bei dem du aufhörst,
dir selbst zuzuhören –
und anfängst,
dir zu glauben.

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